← Zurück zum Blog
Member Stories

Sie hat aufgehört, sich für ihr Alter zu entschuldigen – und ihn gefunden

Apr 12, 2026 5 Min. Lesezeit
Sie hat aufgehört, sich für ihr Alter zu entschuldigen – und ihn gefunden

Martina, 58, hat drei Jahre lang in ihrem Profil ihr Alter kleiner geschrieben, als es ist. Ein Satz eines Therapeuten hat alles verändert.

Martina empfängt mich in ihrer Wohnung im Leipziger Waldstraßenviertel an einem Dienstagnachmittag Ende März. Sie ist 58, Übersetzerin, seit vier Jahren geschieden. Seit acht Monaten mit Jens, 61. Auf dem Tisch steht Kaffee, ein Kuchen, den sie nicht selbst gebacken hat, „weil ich heute ehrlich sein will, und dazu gehört, dass ich beim Bäcker war".

Sie beginnt ohne Umschweife. „Ich habe drei Jahre lang mein Alter um drei bis fünf Jahre nach unten geschrieben. Mal 53, mal 54. Ich wusste, dass ich damit anfing, bei Treffen peinlich zu wirken, aber ich habe es weiter getan. Bis mein Therapeut im vergangenen Juli einen einzigen Satz gesagt hat, der alles geändert hat."

Der Satz des Therapeuten

„Er hat gesagt: ,Sie suchen einen Partner, der Sie mit 58 will. Mit 53 können Sie ihn nicht finden, weil er nicht existiert. Sie haben bisher nur Männer getroffen, die eine 53-Jährige erwartet haben und dann eine 58-Jährige gesehen haben. Natürlich wurden die alle in der ersten halben Stunde kühl.'"

Martina hält kurz inne. „Ich bin aus dieser Stunde nach Hause gegangen, habe mein Profil geöffnet, und habe als erstes mein Geburtsjahr korrigiert. Ich habe zehn Minuten lang gebraucht, auf ,Speichern' zu drücken. Ich hatte das Gefühl, ich würde mich selbst aus dem Markt nehmen."

Was sie auch sonst noch geändert hat

Nach dem Alter kam der Rest. Sie hat das Foto mit den extra weichgezeichneten Rändern ersetzt durch ein normales Bild aus einem Urlaub am Chiemsee, in dem man ihre Lachfalten sah. Sie hat im Profiltext gestrichen, was nicht mehr stimmte – „reisefreudig und immer in Bewegung", obwohl sie gern lange auf dem Sofa liegt. Sie hat einen Satz hinzugefügt, den sie bis dahin nicht geschrieben hätte: „Ich bin 58, seit vier Jahren geschieden, und ich möchte keinen Mann mehr überzeugen müssen, dass ich das Warten wert bin."

„Dieser Satz", sagt sie, „hat mir drei Tage lang Bauchkrämpfe gemacht. Ich war sicher, ich würde keine Nachrichten mehr bekommen."

Was tatsächlich passiert ist

Die Zahl der Nachrichten sei zurückgegangen, ja. „Von 30 in der Woche auf acht. Aber die Qualität war eine andere. Keine Oberflächlichkeiten mehr. Keiner, der mir schrieb, er stehe auf ,junge Gesichter'. Stattdessen Männer, die über Bücher, über Museen, über ihre eigenen Kinder sprachen, ohne zu performen."

Die achte dieser Nachrichten war von Jens. Er habe den Profiltext fünfmal gelesen, sagt er später, bevor er ihr geschrieben hat. „Ich wusste, wenn ich es locker angehe, verliere ich sie. Die Frau hatte etwas gesagt, das man ernst nehmen muss." Er schrieb ihr drei kurze Sätze: „Ich bin 61, seit acht Jahren geschieden, eine Tochter in Berlin. Ihr Satz über das Überzeugen hat mich berührt. Würden Sie auf einen Kaffee kommen, in Leipzig, an einem Wochenende, das Ihnen passt?"

Sie hat ihm nach zwei Tagen geantwortet. „Ich wollte es nicht zu schnell, um mich selbst nicht zu enttäuschen. Aber auch nicht zu langsam, um ihn nicht zu verlieren."

Das erste Treffen

Ein Samstagnachmittag im Coffe Baum am Kleinen Fleischergasse. Sie kam zehn Minuten zu früh. „Ich wollte wissen, wer er ist, bevor er mich sieht." Er kam pünktlich, mit einem Buch in der Hand, das er ins Café mitgebracht hatte – „falls Sie nicht kommen würden und ich einen guten Nachmittag trotzdem haben wollte". Dieser Satz brachte sie zum Lachen, und das Lachen entspannte beide sofort.

Sie haben fast drei Stunden gesprochen. Über eine ostfälische Kindheit, über eine Tochter, die in Berlin lebt, über ein ehemaliges Ingenieursbüro, das er im Ruhestand aufgegeben hatte, über die Wechseljahre, über Eltern, die beide noch leben.

„Er hat mich einmal unterbrochen", sagt sie, „als ich automatisch zu relativieren begann: ,Ich bin ja schon fast 59.' Er hat gesagt: ,Martina, das waren Sie schon in Ihrem Profil. Wir müssen das jetzt nicht mehr klären.'"

Was die ersten Monate brachten

Sie haben langsam begonnen. Einmal pro Woche, dann zweimal. Sie hat ihn nach drei Monaten ihrer Schwester vorgestellt, ohne den üblichen familiären Druck: „Ich habe gesagt, ,das ist Jens', nicht ,das ist mein neuer Freund'. Meine Schwester hat die Hierarchie des Abends verstanden." Er hat ihr im Winter seine Tochter in Berlin vorgestellt, bei einem Wochenende im Oderbruch, „neutrales Territorium".

Seit März verbringen sie etwa die Hälfte der Woche zusammen, ohne zusammengezogen zu sein. „Wir werden es im Herbst machen", sagt sie. „Eine Wohnung in der Karl-Heine-Straße. Ein dritter Ort, der uns gehört."

Was sie heute weiß

„Ich habe drei Jahre lang Männer gesucht, die mich jünger sahen, als ich bin. Ich habe sie auch gefunden, kurz. Ich habe sie enttäuscht, als sie merkten, dass ich nicht die war, die sie in der App begrüßt hatten. Wenn Sie dieses Interview veröffentlichen, bitte schreiben Sie einen Satz für andere Frauen um die 60: Sie haben nicht zu wenig Wert, wenn Sie Ihr Alter nennen. Sie haben zu wenig Ruhe, wenn Sie es verschweigen."

Jens, der während des Gesprächs in der Küche abgeräumt hat, kommt für einen Moment ins Wohnzimmer. „Wenn ich noch etwas ergänzen darf: Die Frauen meines Alters, die sich nicht entschuldigen, sind die interessantesten Frauen, die ich in meinem Leben je getroffen habe. Ich weiß nicht, warum die Welt das nicht weiß."

Nachwort

Ich verlasse das Waldstraßenviertel am späten Nachmittag. In der Straßenbahn denke ich, wie viele stille Korrekturen in Profilen und in Selbstbildern diesem einen Satz eines Leipziger Therapeuten folgen könnten. Und wie viele ruhige Liebesgeschichten wie diese einfach darauf warten, dass jemand aufhört, sich für ein Geburtsjahr zu entschuldigen, das ohnehin feststeht.

Ähnliche Beiträge

Verwitwet mit 58, wieder verheiratet mit 62: Renates leise Geschichte

Verwitwet mit 58, wieder verheiratet mit 62: Renates leise Geschichte

Jan 26, 2026
Um den Partner trauern und wieder daten: Zeitpläne sind Lügen

Um den Partner trauern und wieder daten: Zeitpläne sind Lügen

Mar 17, 2026
Ein „vielversprechendes" Profil ablehnen, ohne dich zu schämen

Ein „vielversprechendes" Profil ablehnen, ohne dich zu schämen

Mar 02, 2026